Geisteswissenschaft

Ursprung

Das griechische Wort kanōn bedeutete zunächst „Massstab“ oder „Regel“. Im christlichen Kontext bezeichnete der Kanon die Liste der als heilig anerkannten Schriften. Von dort wanderte der Begriff in andere Bereiche: den juristischen (Kanonisches Recht), den ästhetischen (die vorbildlichen Werke einer Kunst), schliesslich den literarischen und kulturellen.

Ein umstrittener Begriff

Seit den 1980er Jahren ist der literarische Kanon Gegenstand hitziger Debatten. Die Kritik lautet: Der westliche Kanon spiegele die Perspektive weisser, europäischer, männlicher Autoren wider und schliesse andere Stimmen aus. Die Verteidigung lautet: Ohne Kanon gäbe es keine gemeinsame Bildung, keine geteilte kulturelle Referenz. Beide Seiten haben Argumente; die Frage bleibt offen.

Kanon als Prozess

Eine produktive Wendung besteht darin, den Kanon nicht als Liste, sondern als Prozess zu verstehen — als fortdauernde Aushandlung darüber, welche Werke für eine Kultur bedeutsam bleiben. In diesem Sinn ist der Kanon nicht abschaffbar (jede Kultur trifft solche Auswahlen), aber er ist auch nicht endgültig. Er ist so beweglich wie die Gesellschaft, die ihn trägt.