Geisteswissenschaft
Essay · Literaturwissenschaft

Der Roman und die Zeit

Der Roman gilt als moderne Form schlechthin. Doch was ihn modern macht, ist weniger sein Gegenstand als seine Art, mit Zeit umzugehen.

Es gibt Formen der Literatur, die zeitlos wirken — das Sonett, das Epigramm, die Fabel. Und es gibt Formen, die von ihrer eigenen Geschichte gezeichnet bleiben. Der Roman gehört zu den letzteren. Er ist die Gattung, die im 18. und 19. Jahrhundert zur Herrschaft gelangte und die diese Herrschaft bis heute nicht ganz abgegeben hat.

Was den Roman auszeichnet, ist nicht sein Umfang, nicht sein Gegenstand, nicht einmal sein Realismus. Es ist die Art, wie er Zeit erzählt. Der Roman kann eine Handlung dehnen und zusammenziehen, kann Jahre in einem Satz überspringen und einen Nachmittag in hundert Seiten ausbreiten. Er beherrscht das ungleichmässige Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit — und dieses Verhältnis ist der Ort, an dem sich sein Weltbild artikuliert.

Zeit als Erfahrung

In seinen klassischen Werken behandelt der Roman des 19. Jahrhunderts Zeit nicht als objektive Ordnung, sondern als Erfahrung. Bei Gustave Flaubert vergeht die Zeit als eine Substanz, die Emma Bovary zermürbt. Bei Leo Tolstoi steht sie unter dem Druck des Todes, der jeden Augenblick bedeutungsvoll macht. Bei Theodor Fontane vergeht sie fast unmerklich, in wiederkehrenden Gesprächen, während die Verhältnisse sich langsam wandeln.

Die Moderne des 20. Jahrhunderts hat diese Erfahrung radikalisiert. Marcel Proust hat sieben Bände darauf verwendet zu zeigen, dass Zeit nicht das ist, was Uhren messen. James Joyce hat in Ulysses einen einzigen Tag zu einem Kosmos gemacht. Virginia Woolf hat gezeigt, dass Bewusstsein und Zeit dasselbe sind — Zeit ist, was uns geschieht, wenn wir denken.

Der Roman ist die Form, die die Frage stellt, wie ein Leben verläuft.

Warum diese Form?

Warum hat sich der Roman gerade in dieser Weise durchgesetzt? Georg Lukács hat in seiner frühen Theorie des Romans (1916) eine berühmte Antwort gegeben: Der Roman sei die Form der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. In einer Welt, die keinen selbstverständlichen Sinn mehr habe, sei der Roman die Suche des Einzelnen nach einem Zusammenhang, der ihm nicht mehr geschenkt wird. Der Held muss seinen Sinn selbst herstellen — und die Zeit ist der Raum, in dem diese Herstellung geschieht.

Diese Deutung ist alt geworden, aber sie hat nicht ihre Kraft verloren. Der Roman bleibt die literarische Form, in der ein Leben in seiner Endlichkeit sichtbar wird. Er bindet Wichtiges an Unwichtiges, Grosses an Kleines, Öffentliches an Privates — weil so, und nur so, ein Leben tatsächlich verläuft.

Die Form nach der Form

Ob der Roman in der Gegenwart noch dieselbe Rolle spielt, ist umstritten. Die Serien, die kurze Prosa, die auto­fiktionalen Formate — alle konkurrieren mit ihm um Aufmerksamkeit. Was er behalten hat, ist seine Fähigkeit, Zeit zu formen. Solange Menschen darin leben, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für sie nicht dasselbe sind, wird es Formen geben, die diesen Unterschied erzählen. Der Roman war für lange Zeit die wichtigste dieser Formen. Sie wird nicht die letzte gewesen sein — aber sie ist die, die uns noch am nächsten liegt.