Was heisst Verstehen?
Verstehen ist keine Fertigkeit unter anderen. Es ist die Weise, in der wir überhaupt in einer Welt sind — und darum bleibt die Hermeneutik das schwierigste Handwerk der Geisteswissenschaften.
Wer einen Text liest, ist längst schon dabei, ihn zu verstehen. Das klingt trivial und ist doch der Ausgangspunkt jener philosophischen Tradition, die man Hermeneutik nennt. Ihre Grundeinsicht lautet: Verstehen geschieht nicht erst, wenn wir uns bemühen. Es hat immer schon begonnen. Wir treten nie als unbeschriebene Blätter an einen Satz, ein Bild, ein Ereignis heran; wir bringen eine Welt mit, in der beides — der Gegenstand und wir selbst — bereits einen Ort haben.
Diese vermeintlich schlichte Beobachtung hat weitreichende Folgen. Sie bedeutet, dass unser Verstehen nicht am Nullpunkt beginnt und nicht ins Nirgendwo führt. Es bewegt sich in einem Zwischen: zwischen dem, was wir vom Gegenstand schon meinen, und dem, was er uns zu sagen versucht. Hans-Georg Gadamer hat dieses Zwischen die Wirkungsgeschichte genannt. Wir verstehen, was uns überliefert ist, nur, weil wir selbst Teil einer Geschichte sind, die uns zu diesem Gegenstand hin gebracht hat.
Der hermeneutische Zirkel
Die klassische Formel für diesen Sachverhalt ist der hermeneutische Zirkel. Um ein Ganzes zu verstehen — einen Satz, ein Buch, eine Epoche — müssen wir seine Teile verstehen; und umgekehrt gewinnen die Teile ihren Sinn erst aus dem Ganzen. Was zunächst wie ein logischer Fehler aussieht, ist in Wahrheit die Struktur allen Verstehens. Wir bewegen uns vom Ganzen zum Teil und zurück, korrigieren unterwegs unsere Erwartungen, und je mehr wir korrigieren, desto genauer wird unser Bild.
Friedrich Schleiermacher, der die Hermeneutik zu Beginn des 19. Jahrhunderts als allgemeine Kunstlehre begründete, sprach vom „Divinatorischen“: dem einfühlenden Erraten dessen, was der andere sagen wollte. Er kombinierte es mit dem „Komparativen“, der prüfenden Vergleichung. Beides zusammen ergibt ein Verfahren, das mehr an eine Handwerkskunst erinnert als an eine Methode im technischen Sinn.
Verstehen ist nicht das Ergebnis, das am Ende eines Verfahrens steht. Es ist die Bewegung selbst.
Vorurteile im guten Sinn
Am polemischsten war Gadamer, als er im Hauptwerk Wahrheit und Methode (1960) die Ehre des Vorurteils rettete. Die Aufklärung, so Gadamer, habe das Vorurteil verdächtigt und den Anspruch erhoben, ohne Voraussetzungen zu denken. Dieser Anspruch sei selbst das grösste Vorurteil. Verstehen ohne Voraussetzung gibt es nicht; die Frage ist nicht, ob wir mit Vorurteilen an einen Gegenstand herantreten, sondern ob unsere Vorurteile fruchtbar sind.
Fruchtbar heisst hier: offen für Korrektur. Ein Vorurteil wird zum Hindernis, wenn es sich weigert, sich am Gegenstand zu prüfen. Es wird zum Instrument des Verstehens, wenn es sich der Erfahrung aussetzt, sich modifizieren lässt, wenn nötig sich aufgibt. Verstehen ist so gesehen ein Vorgang der Selbstkorrektur.
Die Grenzen des Verfahrens
Gerade darum widersetzt sich die Hermeneutik jedem Versuch, sie in eine Methode zu übersetzen. Wer verstehen will, muss zuhören können, und Zuhören lernt man nicht wie eine Regel. Es lässt sich üben, verfeinern, kritisieren — aber nicht formalisieren. Das ist keine Schwäche der Geisteswissenschaften, sondern ihre eigentliche Erkenntnisleistung: Sie behaupten, dass es Formen von Wissen gibt, die sich der Verrechnung entziehen und dennoch verlässlich sind.
Wer heute, im Zeitalter der grossen Sprachmodelle, von Verstehen spricht, tut gut daran, sich diese Unterscheidung zu vergegenwärtigen. Eine Maschine kann Wahrscheinlichkeiten berechnen, mit denen ein Wort auf ein anderes folgt. Ob sie versteht, ist eine andere Frage. Die hermeneutische Tradition würde sagen: Verstehen setzt voraus, dass da jemand ist, dem etwas etwas bedeutet. Ohne dieses Jemand-Sein bleibt jede Textverarbeitung leer.
Was bleibt zu tun
Die Hermeneutik ist nicht nur eine Theorie des Verstehens, sondern auch ein ethischer Anspruch. Wer versteht, verpflichtet sich, den anderen — den Autor, die Quelle, die Vergangenheit — zu Wort kommen zu lassen. Er darf nicht bereits wissen, was er finden wird. Er muss bereit sein, überrascht zu werden. In dieser Bereitschaft liegt, mehr als in jeder Methode, die Grundhaltung geisteswissenschaftlichen Arbeitens.