Die Ordnung der Vergangenheit
Antike, Mittelalter, Neuzeit — Periodisierungen sind so selbstverständlich, dass wir sie selten hinterfragen. Doch jede Grenze ist eine Entscheidung, und jede Entscheidung eine These.
Als Christoph Cellarius 1685 sein Handbuch der antiken, mittelalterlichen und neueren Geschichte veröffentlichte, dachte er nicht daran, ein Denkschema zu erfinden. Er wollte nur ein Lehrbuch schreiben. Doch die Dreiteilung, die er dem europäischen Bildungsbetrieb überliess — Antike, Mittelalter, Neuzeit —, wurde zum stillen Skelett unseres historischen Denkens. Wir haben sie bis heute in den Köpfen, auch wenn kein Fachhistoriker sie mehr für unbedenklich hält.
Was eine Periode leistet
Perioden sind Ordnungsleistungen. Sie fassen zusammen, was innen zusammengehören soll, und trennen es von dem, was aussen liegt. Ohne solche Bündelungen wäre historische Erkenntnis kaum möglich; wir hätten nichts als eine unübersehbare Kette von Einzelereignissen. Die Frage ist also nicht, ob wir periodisieren sollen — wir müssen —, sondern wie wir es tun und im Bewusstsein welcher Nebenwirkungen.
Denn Perioden sind nicht neutral. Sie erzählen bereits eine Geschichte, bevor die eigentliche Geschichtsschreibung beginnt. Wer das Mittelalter als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet, hat sich schon entschieden. Wer die „Neuzeit“ mit der Renaissance beginnen lässt, priorisiert Italien; wer sie mit der Reformation beginnen lässt, den deutschen Norden; wer mit der Entdeckung Amerikas, den Atlantik. Jede Grenze ist eine These über das Wichtige.
Jede Epochengrenze verschweigt, was sie überschreitet.
Sattelzeit und andere Erfindungen
Es gibt Versuche, feinerkörnigere Ordnungen einzuführen. Reinhart Koselleck hat mit dem Begriff der Sattelzeit — dem Übergangsraum zwischen etwa 1750 und 1850 — vorgeschlagen, weniger von scharfen Grenzen als von Übergangszonen zu sprechen. In dieser Sattelzeit, so Koselleck, verändern sich die Grundbegriffe der politischen und sozialen Sprache: Freiheit, Staat, Geschichte selbst erhalten eine neue Bedeutung. Die Zeit wird beweglich; die Zukunft wird als offen erfahrbar.
Solche Vorschläge zeigen, dass Periodisierung nicht Zufall bleiben muss. Sie kann selbst zum Gegenstand der Forschung werden. Doch auch die feinste Sattelzeit ist eine Konstruktion, die zeitliche Beobachtungen bündelt — und darum immer diskutierbar bleibt.
Die eurozentrische Falle
Am deutlichsten wird das Problem, wenn man Periodisierungen aus ihrer europäischen Herkunft löst. Was in Europa die „frühe Neuzeit“ ist, entspricht in China der späten Ming- und frühen Qing-Zeit — und die Fragen, die Historiker an diese Perioden stellen, sind teilweise unvergleichbar. Die globale Geschichte hat in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass gemeinsame Zeitbegriffe nicht selbstverständlich sind. Manchmal muss man verzichten und getrennte Periodisierungen nebeneinanderstellen.
Was bleibt, ist die Einsicht, dass jede historische Ordnung eine Deutung ist. Wer historisch denkt, denkt in Perioden, aber er weiss, dass er sie gemacht hat. Er behandelt sie als Werkzeuge, nicht als Wahrheiten. Und er ist bereit, sie beiseitezulegen, wenn sie den Gegenstand nicht mehr treffen.