Geisteswissenschaft
Essay · Kulturwissenschaft

Die Erfindung der Kultur

Wenn wir heute von Kultur sprechen, meinen wir nicht dasselbe wie Herder oder Goethe. Die Geschichte des Begriffs ist die Geschichte dessen, was Menschen über sich selbst zu wissen glaubten.

Das Wort Kultur ist jung. Zumindest in dem Sinn, in dem wir es heute benutzen. Es stammt vom lateinischen cultura, der Bearbeitung des Ackers, und wurde noch im 17. Jahrhundert vor allem für die Pflege des Bodens, dann für die Pflege des Geistes verwendet — man sprach von der cultura animi, der Bildung der Seele. Erst im späten 18. Jahrhundert wurde daraus jene grosse, umfassende Rede, in der wir uns noch immer bewegen.

Herders Wende

Johann Gottfried Herder war einer der Ersten, die von Kulturen im Plural sprachen. Für ihn war jede Nation, jede Epoche eine eigene Weise, Welt zu haben — mit eigener Sprache, eigenen Sitten, eigenem Sinn. Dieser Gedanke, so vertraut er uns geworden ist, war revolutionär. Er brach mit der Vorstellung, es gäbe eine einzige Zivilisation, an der sich alle anderen zu messen hätten. Er machte den Weg frei für ein anthropologisches Verständnis des Menschen: dass wir immer schon in einer Kultur leben und ausserhalb ihrer gar nicht zu denken sind.

Herders Pluralisierung hatte eine emanzipatorische Kraft. Sie erlaubte, andere Völker nicht als Vorstufen der europäischen Zivilisation zu sehen, sondern als eigenständige Weltentwürfe. Sie hatte zugleich eine Kehrseite: Kulturen wurden zu Einheiten, die sich abgrenzen, die einen Kern haben, die man verteidigen kann. Der Begriff hat seither eine Doppelnatur, die uns bis heute begleitet.

Wer sagt: „Das ist unsere Kultur“, tut mehr, als er beschreibt. Er entscheidet.

Vom Substantiv zum Adjektiv

Im 20. Jahrhundert hat sich der Begriff nochmals verschoben. Die kulturanthropologische Tradition — von Franz Boas bis Clifford Geertz — hat Kultur nicht mehr als Ding verstanden, sondern als ein Gewebe von Bedeutungen, das die Menschen selbst gesponnen haben und in dem sie leben. Kultur ist, so Geertz, ein „context“ — der Zusammenhang, in dem menschliches Handeln überhaupt verstanden werden kann.

Dieser Ansatz hat eine Verschiebung vom Substantiv zum Adjektiv nahegelegt. Statt von Kultur zu sprechen, spricht man vom Kulturellen — von Praktiken, Symbolen, Bedeutungsordnungen, die überall in menschlichem Handeln wirken, ohne dass sie ein festes Ganzes bilden. Die Kulturwissenschaften der Gegenwart sind aus dieser Verschiebung hervorgegangen. Sie fragen nicht mehr, was eine Kultur ist, sondern was Kultur tut.

Eine Warnung

Der Begriff bleibt einer der schwierigsten der Geisteswissenschaften. Er verspricht Klarheit, wo keine ist. Er behauptet Einheit, wo Vielheit herrscht. Er wird politisch, sobald er gebraucht wird, weil er immer einschliesst und ausschliesst. Wer ihn verwendet — und wer könnte auf ihn verzichten? —, tut gut daran, sich zu vergegenwärtigen, dass er nicht nur beschreibt, sondern gestaltet, was er zu erfassen glaubt.